Über meine Bilder:
Erkenntnisschichten
Die Farbe Gelb als hellste und dem Licht am nahestehendste Farbe im Spektrum ist jene Farbe, in der sich das innerste Menschenwesen zu Hause fühlt, ist die Wärme und die Freude des Lebens und das Licht der Erkenntnis. Wenn es vom Licht selbst, für den Maler gesprochen: vom Weiß oder der Transparenz, durchwebt wird, atmet es aus Himmelsfernen bis hinein in die Wärme des irdischen Lebens und ist wie die Sonne selbst die Grundlage eines jeden Wachstums, ganz gleich ob man von einem Wachstum im Physischen, Seelischen oder im Geistigen spricht.
Von der Durchdringung dieser drei Bereiche des menschlichen Wesens sowie seiner künstlerische Ausdrucksform gehe ich aus. So verstanden, kann jede künstlerische Ausdrucksform, Äußerung eines geistigen Impulses werden, der durch den Menschen spricht und durch ihn eine physische Ausformung erhält. Hier wird der Mensch zum Schöpfer und zum Organ für Schöpfungskräfte gleichermaßen; etwas wirkt durch ihn hindurch.
Es geht um eine Wahrnehmungssensibilisierung für geistige Impulse, für seelische Regungen, für physische Ausformungen, für den Dialog mit den Eigendynamiken des künstlerischen Materials, für die Malerei gesprochen: für die Farbe, denn auch jede Farbe ist Ausdruck eines geistigen Impulses, einer gefühlsmäßigen Grundstimmung, einer körperlichen Befindlichkeit. Diese charakteristische, einer jeden Farbe innewohnenden Dynamik aufzuspüren, ist ein malerischer Schulungsweg, der am Anfang meiner eigenen malerischen Entwicklung steht.
Meine Bilder sind in Schichten aufgebaut mit den unterschiedlichsten Materialien; Schichten aus Aquarell, Öl, Gouache, Tempera, aus Kreiden, Pastellen, Bienenwachs, Sand, Blütenstaub, Asche, Erde, Pergamenten, Geschriebenem.
Schichten aus Licht und Schichten aus Erde, aber jede Schicht ist durchscheinend, das ist die Bedingung. Sie geht mit den Spuren der Vergangenheit, also der Vorgängerschicht, würdevoll und in folgerichtiger Konsequenz um. Manchmal werden Schichten auch wieder abgetragen, um partiell darunter verborgenes wieder freizulegen und es besser zu verstehen. Das ist der Erkenntnisprozess, das Durchleuchten der Vergangenheit mit dem Bewusstsein der Gegenwart, und das geht nur schichtweise. Gelb, als durchscheinenste aller Farben ist mir als Träger dieses Prozesses am geeignetsten.
Das vielschichtige unterschiedlicher Farbflächen und Strukturen, die meine anfängliche Malerei als reine Aquarellmalerei bestimmte, ist nun mit der Reduktion auf Gelbtöne einer Vielfalt des Materials gewichen, von denen jedes seine eigene, dem Gelb verwandte oder bewusst entgegen wirkende sinnliche Komponente trägt. Asche, beispielsweise hat auch Lichtprozesse als Information gespeichert, kann aber mit ihrer dumpfen Qualität und dem grauen Erscheinungsbild als Schatten des Gelbs oder als Störfaktor, der zur Reibungsfläche wird, eingesetzt werden. Bienenwachs oder Sand sind schon in der Farbe dem Gelb verwandt und speichern Informationen von Wärme, Licht und Sonne, ebenso wie der Blütenstaub.
Die Bilder, die auf diese Weise entstehen, also schichtend und auf die Informationen der gewählten Materialien eingehend, sind die Spuren des Dialogs mit eben diesen Materialien, mit der Farbe Gelb und ihren Impulsen und mit meinen eigenen Strukturen, die dort hinein wirken und durch welche eben diese Impulse wirken, zu denen die Materialinformationen sprechen, und die nichts anderes sind als die Spuren meines bereits gelebten Lebens.
Lebensspuren:
So sind diese Bilder auch etwas ganz persönliches, etwas, was einer inneren Notwendigkeit entwächst, etwas, was sich aus dem Innersten meines Wesens freikämpft und in Gelb seine Erfüllung findet.
Gelb bietet Raum für die Spuren von vibrierender, pochender, webender Wärme, für die Spuren von der Freude der Berührung eines Lichtstrahls, von dem Licht und der Liebe und der Wärme, so wie es am Anfang gemeint war, so wie sich ein Kind voller Urvertrauen in die Welt hineinbegibt und in ihr sein möchte. Gelb ist die Spur des ersten Vorfühlens in die irdische Welt hinein. Es ist verdichtetes reines Licht. Das ist die erste Spur des menschlichen Lebens und seine vollkommenste, wenn ein Leben sich verwandelt und in eine neue Entwicklungsstufe übergeht.
Stufen einer Entwicklung durch Schritte mit Bewusstsein:
Das, was Entwicklung ermöglicht, sind die anfangs beschriebenen Erkenntnisprozesse. Grabe ich mich aber noch eine Schicht tiefer, so liegt jeder Erkenntnis ein Erlebnis zugrunde, etwas, was mich wirklich berührt und bewegt hat. Ereignisse im Leben werden zu Erlebnissen, hinterlassen Spuren und fordern zur Entwicklung auf. Jedes Bild trägt in ein neues Erlebnis hinein und steht innerhalb einer Abfolge von Entwicklungsschritten als eine Metamorphosenstufe.
Viele Arbeiten entstehen in Serien, ein Bild als ein Schritt einer Entwicklung, als ein Baustein innerhalb eines größeren Gesamtzusammenhangs. Die Bausteine haben eine Entwicklungsreihenfolge, können aber, weil sie über das Persönliche hinauswachsen, jeder Zeit in neue Zusammenhänge und Beziehungen in einem neuen Gesamtgefüge zusammengebracht werden. Dazu gehört auch ein Ausprobieren, ein Testen, ein Um- und Neugestalten. Das Arbeiten in Serien, z.B. in Heptaptychons oder Oktaptychons, bringt das Element der Wiederholung. Wiederholt werden oft das Format und der Ausgangspunkt einer Arbeit, beispielsweise die Spur einer immer sehr ähnlichen Geste, die dann in jeweils anderen Begegnungsformen weiterverarbeitet wird. Ebenso kann ein gleicher Ausgangspunkt die Anlage einer gleichen Grundierung sein oder des gleichen Textes, der gleichen Information, die dann in den unterschiedlichen Bausteinen und Stufen zu einem Gesamtbild jeweils unterschiedlich weiterwachsen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Testreihe: eine bestimmte Anzahl von gleichen Bausteinen (z.B. gleiches Format der Leinwand) mit der gleichen Ausgangs-position (z.B. gleiche Grundierung oder Textbaustein) wird dann mit jeweils unterschiedlichen Umgangsformen behandelt und weiterentwickelt.
Die Reaktion zwischen den unterschiedlichen Materialien und Umgangsformen mit der jeweils gleichen Ausgangslage wird jedes Mal zu einem anderen Ereignis führen. Das Zwischenergebnis: der Baustein in einer Gesamtheit ist ein Schritt in einer Entwicklung und wird durch das systematische Arbeiten in Serien/Reihen vergleichbar, Gefühlsprozesse werden so zu einem Bewusstseinsprozess.
Reaktionsweisen von bestimmten Materialien auf bestimmte von mir vorgegebene Ausgangspositionen unter der Voraussetzung der Mitgestaltung des Materials (der anfangs beschriebenen Grundhaltung der Anerkennung eines Eigenwesens des Materials) werden vorhersehbar. So kann die Malerei zu einem bewussten Erkenntnisprozess werden. Dies betrifft nicht nur die Bewusstwerdung im Eigenwesen wirkender Strukturen, sondern ebenso die
Enthüllung verborgener Informationen der Strukturen von Stoffen, beziehungsweise Materialien.
Die Struktur einer Substanz ist wie die Matrix ihres Seins.
Strukturen aus Wesenstiefen:
Das, was die Farbe Gelb und ihre unterschiedlichsten Nuancen auf der Fläche fixiert, sind die Arbeitsspuren, die sich in Rhythmen und Strukturen niederschlagen. Die Strukturen bewegen sich stets zwischen Chaos und Ordnung, zwei Grundprinzipien des Lebens und des gesunden Wachstums. Um das Leben und die Entstehung neuen Lebens zu gewährleisten, ist ein Pendel zwischen beiden Polen notwendig. Der Pendel ist immer in Bewegung und Leben ist nur im Raum dazwischen möglich. Reines Ordnungsprinzip erstarrt, erkaltet, verhärtet, reines Chaos löst die Substanz völlig auf. Das spiegeln z.B. auch die Strukturbilder histologischer Schnitte. Die Vergrößerung unter dem Mikroskop erkrankter Gewebeproben spiegeln je nach Krankheitsbild, auflösende, also chaotisierende Strukturen oder zu geordnete, verhärtete Strukturbilder. Gesundes Gewebe zeigt ein geordnetes Strukturbild mit einer erkennbaren Gesetzmäßigkeit, in der aber individuelle Abweichungen regelmäßig auftreten.
Strukturen sind Spuren von Lebensprozessen, die sich zwischen Chaos und Ordnung bewegen.
In tiefere Wahrnehmungsschichten meiner selbst und meiner Umgebung dringe ich nur durch eine differenzierte Sinneswahrnehmung und ein Befragen aller Sinne. Dabei ist alles immer in Bewegung. Und indem ich dieser Bewegung, beziehungsweise dieser Verwandlung sowohl der äußeren Erscheinung, als auch meiner inneren Reaktion darauf gewahr werde und sie aufmerksam verfolge, begreife ich, wie alle Formen der äußeren Welt die in der Materie fixierten Spuren von Bewegungsabläufen und Lebensprozessen sind, wie alle Strukturen des Wahrgenommenen deutliche Abbilder von Entwicklungsschritten, beziehungsweise Metamorphosen sind. So kann mir das Strukturbild eines Stoffes seine ganze Geschichte der Vergangenheit offenbaren und gleichzeitig eine Prognose der Weiterentwicklung ermöglichen.
Die Wahrnehmung eines äußeren Strukturerscheinungsbildes dient also der Erschließung der dahinterliegenden Essenz des Stoffes.
Der erste Schritt dieser Wahrnehmungsschulung ist das Eintauchen in ein Strukturphänomen und ein genaues Beschreiben der Beschaffenheit der Struktur anhand der Sinneseindrücke. Der zweite Schritt ist das Wegnehmen des physischen Eindrucks und die Wandlung dessen in ein inneres gefühlsmäßiges und gedankliches Nachklingen. Das Vergessen aller äußeren Eindrücke führt letztendlich zur Imagination dessen, was uns als Wesentliches an den Dingen der Natur offenbar wird.
Der „Natur“ sage ich deshalb, weil die Natur es ist, die für den beschriebenen Weg der Wahrnehmungssensibilisierung anhand des Strukturphänomens mannigfaltige Quellen liefert: die Struktur eines Blattes, einer Baumrinde, eines Ameisenhaufens, die Spuren der Ameisen oder der Würmer unter der Rinde, die Unterseite eines Pilzes, eine Schlangenhaut, das Auge einer Fliege unter dem Mikroskop, der Flügel einer Libelle, ein Spinnennetz, die Wasseroberfläche, ein Kornfeld aus dem Flugzeug betrachtet, ein Steinfußboden, ein Moosfeld, Eisblumen…
Bei aller Wahrnehmungssensibilität für Strukturphänomene, darf man nicht vergessen, dass jeder Mensch in seiner Aufnahmefähigkeit durch seine Erziehung und den Kulturraum, in dem er lebt, bereits gewisse Wahrnehmungsmuster mit sich bringt. Die äußeren Strukturen, die wahrgenommen werden, begegnen den inneren.
So ist die Natur mir in vielen meiner Bilder zu einer Anregung geworden. Letztendlich ist es aber wieder ein Dialog; ein Dialog zwischen den Eindrücken und den Informationen des Wahrgenommenen und meinen eigenen Reaktionen darauf, die mit persönlichen Aufnahme- und Verarbeitungsstrukturen zu tun haben ebenso wie mit Vorlieben für ihrerseits wiederum strukturbeeinflussende Mittel, z.B. Stifte, Kreiden, Sand, Spachtel in Farbpigmentmasse etc.
Struktur erlebe ich als Bindeglied zwischen Farbe und Form. Sucht sich eine Farbe eine Form ihrer Wesenheit nach, so wird sie sich zunächst in einer gewissen Struktur auf der Fläche halten, die sich dann weiter verdichtend und Konzentrationspunkte schaffend in Formtendenzen begibt und schließlich zu einer mehr oder weniger abgeschlossenen Form werden kann. Bleibt man jedoch im Bereich der Struktur, ohne bis zur völligen Verdichtung einer festen Form fortzuschreiten, so bewegt man sich weiterhin in jenem Zwischenzustand, bleibt im Prozess, immer wandelbar, immer atmend und schwingend zwischen Lösung und Verdichtung.
Je gleichmäßiger dieser Atemrhythmus ist, desto eher wird mir der Malprozess zur Meditation. Struktur kann daher als ein Raum zwischen den Welten empfunden werden. Niemals hat das Strukturenschaffen in meiner Arbeit jedoch mit einem sich verselbstständigenden Automatismus zu tun. Wachheit, Klarheit und Bewusstheit arbeiten hier mit der Meditation. Strukturen entstehen zwischen Lösung und Verdichtung, zwischen Außen- und Innenkräften, also in dem Zusammentreffen der von außen her formenden Kräfte der Umgebung und dem Widerstand des Stoffes selbst, dem, was er von seiner eigenen Natur her gegen diese Außenkräfte setzt, aus der seiner eigenen Gesetzmäßigkeit seiner Innenkräfte, dasselbe gilt auch für die Künstlerin/den Künstler.
Beim Malen liegt dieser Widerstand unter anderem in der Reibungsfläche, die entsteht zwischen der Beschaffenheit des Materials, in den Stiften, Kreiden, Pigmenten, Pinselstrichen, Sandpasten, etc. und meiner eigenen Reaktion darauf.
Strukturen entstehen zwischen Verhüllung und Enthüllung, aus dem Prinzip der Wiederholung und zwischen Chaos und Ordnung.
Struktur ist nie etwas wirklich Fertiges. Es ist ein Phänomen, das in ständigem Wandel begriffen ist, im fortwährenden Wechsel zwischen Auflösung und Neugestaltung. Ein farbiges Strukturbild ist die Momentaufnahme eines Augenblicks und gleichzeitig ein Abbild sich unendlich wiederholender Lebensprozesse. So sind auch meine Bilder Abbilder dieser Lebensprozesse, Metamorphosen, die schon im nächsten Moment eine neue Gestalt haben könnten, die eine Aufforderung bleiben für den Betrachter, selbst in eine Entwicklung einzusteigen in ein Atmen und Schwingen zwischen Auflösung und Verdichtung, zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Gewusstem und Unbewusstem, zwischen Informationen, die verhüllt sind und jenen, die offen liegen, zwischen der eigenen Vergangenheit und der Gegenwart.
So arbeite ich mich voran, bis das einzelne Bild einen Moment in der immer fortlaufenden Entwicklung erreicht, der über das persönliche Erlebnis hinauswächst.
Jede Schicht kann Verhüllung oder Enthüllung werden, kann bewusste Auflösung oder Verdichtung bringen. Die Methode der Schichtung und die malerische Grundhaltung gegenüber den mitgestaltenden Materialien spiegeln alle beschriebenen Strukturphänomene, bzw. Strukturprinzipien. So wird mir Struktur nicht nur zum Untersuchungsobjekt, sie ist gleichzeitig Untersuchungsmethode.
Dieses Zusammentreffen kann zu neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten führen, die über das Alltägliche Verständnis der Stoffe hinausführen. Die Vernetzung verschiedener Disziplinen, die Begegnung von Kunst, Natur und Wissenschaft sind Angelpunkte einer solchen Untersuchungsart, in der neben einer allgemeinen Wahrnehmungssensibilisierung auch eine Wachheit und Bewusstheit der Sinne geschult wird.
Zwischen Chaos und Ordnung können Rhythmus, Duktus und Klang entstehen, zwischen farbigen Spuren einer spontanen Köpergeste ob gekleckst, gespachtelt oder gedruckt und einem imaginären Ordnungsprinzip, entsteht Gestaltungswille, Gestaltungsprinzip. Zwischen Auflösung und Verdichtung entsteht das Atmen in Farbklängen und strukturierenden Zwischenzeichensetzungen, sich wiederholenden Rhythmen als Vorstufen der Form. Wie Thema und Variation durchpocht die einzelnen Schichten ein Grundrhythmus und seine Verwandlung im Sinnesweben.
Aber nicht nur Strukturen und „Muster“ der Emotions- und Willensebene werden in dieser künstlerischen Auseinandersetzung freigesetzt, was übrigens genauso für den Kunstschaffenden wie den Kunstrezipierenden gilt, der bei dieser Art Arbeit immer aufgefordert wird, ebenfalls in einen aktiven Strukturverwandlungs- und Wahrnehmungsprozess einzutauchen, es werden ebenso persönliche Denkmuster und über das Persönliche hinausreichende Denkstrukturen freigelegt und offenbart.
Im Wahrnehmen von und im Arbeiten mit Strukturen erlebe ich Freiheit und Notwendigkeit als ein ineinander wirkendes System.
Niederschriften im Sand der Freude und Sinnesweben…
Ebenso wie die Beschäftigung mit Strukturphänomenen und deren Gestaltungsprinzipien spielen im Entstehungsprozess meiner Bilder sinnliche Qualitäten unterschiedlichster Stoffe eine große Rolle, die nicht nur phänomenologisch betrachtet werden auf der Suche nach ihren gespeicherten Informationen, sondern die ebenso erfühlt werden wollen. Wie fühlt sich warmer Sand an, wie Blütenstaub oder Bienenwachs? Wie riechen diese Stoffe und welche Gefühle erwecken ihre Gerüche in mir? Im Nachspüren dieser Fragen finde ich zu bestimmten Handlungsformen mit meinen Bildern, die mir immer ein lebendiges Gegenüber bleiben. Gleichzeitig sind sie Spiegel dessen, was durch mich hindurch wirkt und seine Spuren im Bild und in mir hinterlässt.
Ines Trost - Februar 2003
Erkenntnisschichten
Die Farbe Gelb als hellste und dem Licht am nahestehendste Farbe im Spektrum ist jene Farbe, in der sich das innerste Menschenwesen zu Hause fühlt, ist die Wärme und die Freude des Lebens und das Licht der Erkenntnis. Wenn es vom Licht selbst, für den Maler gesprochen: vom Weiß oder der Transparenz, durchwebt wird, atmet es aus Himmelsfernen bis hinein in die Wärme des irdischen Lebens und ist wie die Sonne selbst die Grundlage eines jeden Wachstums, ganz gleich ob man von einem Wachstum im Physischen, Seelischen oder im Geistigen spricht.
Von der Durchdringung dieser drei Bereiche des menschlichen Wesens sowie seiner künstlerische Ausdrucksform gehe ich aus. So verstanden, kann jede künstlerische Ausdrucksform, Äußerung eines geistigen Impulses werden, der durch den Menschen spricht und durch ihn eine physische Ausformung erhält. Hier wird der Mensch zum Schöpfer und zum Organ für Schöpfungskräfte gleichermaßen; etwas wirkt durch ihn hindurch.
Es geht um eine Wahrnehmungssensibilisierung für geistige Impulse, für seelische Regungen, für physische Ausformungen, für den Dialog mit den Eigendynamiken des künstlerischen Materials, für die Malerei gesprochen: für die Farbe, denn auch jede Farbe ist Ausdruck eines geistigen Impulses, einer gefühlsmäßigen Grundstimmung, einer körperlichen Befindlichkeit. Diese charakteristische, einer jeden Farbe innewohnenden Dynamik aufzuspüren, ist ein malerischer Schulungsweg, der am Anfang meiner eigenen malerischen Entwicklung steht.
Meine Bilder sind in Schichten aufgebaut mit den unterschiedlichsten Materialien; Schichten aus Aquarell, Öl, Gouache, Tempera, aus Kreiden, Pastellen, Bienenwachs, Sand, Blütenstaub, Asche, Erde, Pergamenten, Geschriebenem.
Schichten aus Licht und Schichten aus Erde, aber jede Schicht ist durchscheinend, das ist die Bedingung. Sie geht mit den Spuren der Vergangenheit, also der Vorgängerschicht, würdevoll und in folgerichtiger Konsequenz um. Manchmal werden Schichten auch wieder abgetragen, um partiell darunter verborgenes wieder freizulegen und es besser zu verstehen. Das ist der Erkenntnisprozess, das Durchleuchten der Vergangenheit mit dem Bewusstsein der Gegenwart, und das geht nur schichtweise. Gelb, als durchscheinenste aller Farben ist mir als Träger dieses Prozesses am geeignetsten.
Das vielschichtige unterschiedlicher Farbflächen und Strukturen, die meine anfängliche Malerei als reine Aquarellmalerei bestimmte, ist nun mit der Reduktion auf Gelbtöne einer Vielfalt des Materials gewichen, von denen jedes seine eigene, dem Gelb verwandte oder bewusst entgegen wirkende sinnliche Komponente trägt. Asche, beispielsweise hat auch Lichtprozesse als Information gespeichert, kann aber mit ihrer dumpfen Qualität und dem grauen Erscheinungsbild als Schatten des Gelbs oder als Störfaktor, der zur Reibungsfläche wird, eingesetzt werden. Bienenwachs oder Sand sind schon in der Farbe dem Gelb verwandt und speichern Informationen von Wärme, Licht und Sonne, ebenso wie der Blütenstaub.
Die Bilder, die auf diese Weise entstehen, also schichtend und auf die Informationen der gewählten Materialien eingehend, sind die Spuren des Dialogs mit eben diesen Materialien, mit der Farbe Gelb und ihren Impulsen und mit meinen eigenen Strukturen, die dort hinein wirken und durch welche eben diese Impulse wirken, zu denen die Materialinformationen sprechen, und die nichts anderes sind als die Spuren meines bereits gelebten Lebens.
Lebensspuren:
So sind diese Bilder auch etwas ganz persönliches, etwas, was einer inneren Notwendigkeit entwächst, etwas, was sich aus dem Innersten meines Wesens freikämpft und in Gelb seine Erfüllung findet.
Gelb bietet Raum für die Spuren von vibrierender, pochender, webender Wärme, für die Spuren von der Freude der Berührung eines Lichtstrahls, von dem Licht und der Liebe und der Wärme, so wie es am Anfang gemeint war, so wie sich ein Kind voller Urvertrauen in die Welt hineinbegibt und in ihr sein möchte. Gelb ist die Spur des ersten Vorfühlens in die irdische Welt hinein. Es ist verdichtetes reines Licht. Das ist die erste Spur des menschlichen Lebens und seine vollkommenste, wenn ein Leben sich verwandelt und in eine neue Entwicklungsstufe übergeht.
Stufen einer Entwicklung durch Schritte mit Bewusstsein:
Das, was Entwicklung ermöglicht, sind die anfangs beschriebenen Erkenntnisprozesse. Grabe ich mich aber noch eine Schicht tiefer, so liegt jeder Erkenntnis ein Erlebnis zugrunde, etwas, was mich wirklich berührt und bewegt hat. Ereignisse im Leben werden zu Erlebnissen, hinterlassen Spuren und fordern zur Entwicklung auf. Jedes Bild trägt in ein neues Erlebnis hinein und steht innerhalb einer Abfolge von Entwicklungsschritten als eine Metamorphosenstufe.
Viele Arbeiten entstehen in Serien, ein Bild als ein Schritt einer Entwicklung, als ein Baustein innerhalb eines größeren Gesamtzusammenhangs. Die Bausteine haben eine Entwicklungsreihenfolge, können aber, weil sie über das Persönliche hinauswachsen, jeder Zeit in neue Zusammenhänge und Beziehungen in einem neuen Gesamtgefüge zusammengebracht werden. Dazu gehört auch ein Ausprobieren, ein Testen, ein Um- und Neugestalten. Das Arbeiten in Serien, z.B. in Heptaptychons oder Oktaptychons, bringt das Element der Wiederholung. Wiederholt werden oft das Format und der Ausgangspunkt einer Arbeit, beispielsweise die Spur einer immer sehr ähnlichen Geste, die dann in jeweils anderen Begegnungsformen weiterverarbeitet wird. Ebenso kann ein gleicher Ausgangspunkt die Anlage einer gleichen Grundierung sein oder des gleichen Textes, der gleichen Information, die dann in den unterschiedlichen Bausteinen und Stufen zu einem Gesamtbild jeweils unterschiedlich weiterwachsen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Testreihe: eine bestimmte Anzahl von gleichen Bausteinen (z.B. gleiches Format der Leinwand) mit der gleichen Ausgangs-position (z.B. gleiche Grundierung oder Textbaustein) wird dann mit jeweils unterschiedlichen Umgangsformen behandelt und weiterentwickelt.
Die Reaktion zwischen den unterschiedlichen Materialien und Umgangsformen mit der jeweils gleichen Ausgangslage wird jedes Mal zu einem anderen Ereignis führen. Das Zwischenergebnis: der Baustein in einer Gesamtheit ist ein Schritt in einer Entwicklung und wird durch das systematische Arbeiten in Serien/Reihen vergleichbar, Gefühlsprozesse werden so zu einem Bewusstseinsprozess.
Reaktionsweisen von bestimmten Materialien auf bestimmte von mir vorgegebene Ausgangspositionen unter der Voraussetzung der Mitgestaltung des Materials (der anfangs beschriebenen Grundhaltung der Anerkennung eines Eigenwesens des Materials) werden vorhersehbar. So kann die Malerei zu einem bewussten Erkenntnisprozess werden. Dies betrifft nicht nur die Bewusstwerdung im Eigenwesen wirkender Strukturen, sondern ebenso die
Enthüllung verborgener Informationen der Strukturen von Stoffen, beziehungsweise Materialien.
Die Struktur einer Substanz ist wie die Matrix ihres Seins.
Strukturen aus Wesenstiefen:
Das, was die Farbe Gelb und ihre unterschiedlichsten Nuancen auf der Fläche fixiert, sind die Arbeitsspuren, die sich in Rhythmen und Strukturen niederschlagen. Die Strukturen bewegen sich stets zwischen Chaos und Ordnung, zwei Grundprinzipien des Lebens und des gesunden Wachstums. Um das Leben und die Entstehung neuen Lebens zu gewährleisten, ist ein Pendel zwischen beiden Polen notwendig. Der Pendel ist immer in Bewegung und Leben ist nur im Raum dazwischen möglich. Reines Ordnungsprinzip erstarrt, erkaltet, verhärtet, reines Chaos löst die Substanz völlig auf. Das spiegeln z.B. auch die Strukturbilder histologischer Schnitte. Die Vergrößerung unter dem Mikroskop erkrankter Gewebeproben spiegeln je nach Krankheitsbild, auflösende, also chaotisierende Strukturen oder zu geordnete, verhärtete Strukturbilder. Gesundes Gewebe zeigt ein geordnetes Strukturbild mit einer erkennbaren Gesetzmäßigkeit, in der aber individuelle Abweichungen regelmäßig auftreten.
Strukturen sind Spuren von Lebensprozessen, die sich zwischen Chaos und Ordnung bewegen.
In tiefere Wahrnehmungsschichten meiner selbst und meiner Umgebung dringe ich nur durch eine differenzierte Sinneswahrnehmung und ein Befragen aller Sinne. Dabei ist alles immer in Bewegung. Und indem ich dieser Bewegung, beziehungsweise dieser Verwandlung sowohl der äußeren Erscheinung, als auch meiner inneren Reaktion darauf gewahr werde und sie aufmerksam verfolge, begreife ich, wie alle Formen der äußeren Welt die in der Materie fixierten Spuren von Bewegungsabläufen und Lebensprozessen sind, wie alle Strukturen des Wahrgenommenen deutliche Abbilder von Entwicklungsschritten, beziehungsweise Metamorphosen sind. So kann mir das Strukturbild eines Stoffes seine ganze Geschichte der Vergangenheit offenbaren und gleichzeitig eine Prognose der Weiterentwicklung ermöglichen.
Die Wahrnehmung eines äußeren Strukturerscheinungsbildes dient also der Erschließung der dahinterliegenden Essenz des Stoffes.
Der erste Schritt dieser Wahrnehmungsschulung ist das Eintauchen in ein Strukturphänomen und ein genaues Beschreiben der Beschaffenheit der Struktur anhand der Sinneseindrücke. Der zweite Schritt ist das Wegnehmen des physischen Eindrucks und die Wandlung dessen in ein inneres gefühlsmäßiges und gedankliches Nachklingen. Das Vergessen aller äußeren Eindrücke führt letztendlich zur Imagination dessen, was uns als Wesentliches an den Dingen der Natur offenbar wird.
Der „Natur“ sage ich deshalb, weil die Natur es ist, die für den beschriebenen Weg der Wahrnehmungssensibilisierung anhand des Strukturphänomens mannigfaltige Quellen liefert: die Struktur eines Blattes, einer Baumrinde, eines Ameisenhaufens, die Spuren der Ameisen oder der Würmer unter der Rinde, die Unterseite eines Pilzes, eine Schlangenhaut, das Auge einer Fliege unter dem Mikroskop, der Flügel einer Libelle, ein Spinnennetz, die Wasseroberfläche, ein Kornfeld aus dem Flugzeug betrachtet, ein Steinfußboden, ein Moosfeld, Eisblumen…
Bei aller Wahrnehmungssensibilität für Strukturphänomene, darf man nicht vergessen, dass jeder Mensch in seiner Aufnahmefähigkeit durch seine Erziehung und den Kulturraum, in dem er lebt, bereits gewisse Wahrnehmungsmuster mit sich bringt. Die äußeren Strukturen, die wahrgenommen werden, begegnen den inneren.
So ist die Natur mir in vielen meiner Bilder zu einer Anregung geworden. Letztendlich ist es aber wieder ein Dialog; ein Dialog zwischen den Eindrücken und den Informationen des Wahrgenommenen und meinen eigenen Reaktionen darauf, die mit persönlichen Aufnahme- und Verarbeitungsstrukturen zu tun haben ebenso wie mit Vorlieben für ihrerseits wiederum strukturbeeinflussende Mittel, z.B. Stifte, Kreiden, Sand, Spachtel in Farbpigmentmasse etc.
Struktur erlebe ich als Bindeglied zwischen Farbe und Form. Sucht sich eine Farbe eine Form ihrer Wesenheit nach, so wird sie sich zunächst in einer gewissen Struktur auf der Fläche halten, die sich dann weiter verdichtend und Konzentrationspunkte schaffend in Formtendenzen begibt und schließlich zu einer mehr oder weniger abgeschlossenen Form werden kann. Bleibt man jedoch im Bereich der Struktur, ohne bis zur völligen Verdichtung einer festen Form fortzuschreiten, so bewegt man sich weiterhin in jenem Zwischenzustand, bleibt im Prozess, immer wandelbar, immer atmend und schwingend zwischen Lösung und Verdichtung.
Je gleichmäßiger dieser Atemrhythmus ist, desto eher wird mir der Malprozess zur Meditation. Struktur kann daher als ein Raum zwischen den Welten empfunden werden. Niemals hat das Strukturenschaffen in meiner Arbeit jedoch mit einem sich verselbstständigenden Automatismus zu tun. Wachheit, Klarheit und Bewusstheit arbeiten hier mit der Meditation. Strukturen entstehen zwischen Lösung und Verdichtung, zwischen Außen- und Innenkräften, also in dem Zusammentreffen der von außen her formenden Kräfte der Umgebung und dem Widerstand des Stoffes selbst, dem, was er von seiner eigenen Natur her gegen diese Außenkräfte setzt, aus der seiner eigenen Gesetzmäßigkeit seiner Innenkräfte, dasselbe gilt auch für die Künstlerin/den Künstler.
Beim Malen liegt dieser Widerstand unter anderem in der Reibungsfläche, die entsteht zwischen der Beschaffenheit des Materials, in den Stiften, Kreiden, Pigmenten, Pinselstrichen, Sandpasten, etc. und meiner eigenen Reaktion darauf.
Strukturen entstehen zwischen Verhüllung und Enthüllung, aus dem Prinzip der Wiederholung und zwischen Chaos und Ordnung.
Struktur ist nie etwas wirklich Fertiges. Es ist ein Phänomen, das in ständigem Wandel begriffen ist, im fortwährenden Wechsel zwischen Auflösung und Neugestaltung. Ein farbiges Strukturbild ist die Momentaufnahme eines Augenblicks und gleichzeitig ein Abbild sich unendlich wiederholender Lebensprozesse. So sind auch meine Bilder Abbilder dieser Lebensprozesse, Metamorphosen, die schon im nächsten Moment eine neue Gestalt haben könnten, die eine Aufforderung bleiben für den Betrachter, selbst in eine Entwicklung einzusteigen in ein Atmen und Schwingen zwischen Auflösung und Verdichtung, zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Gewusstem und Unbewusstem, zwischen Informationen, die verhüllt sind und jenen, die offen liegen, zwischen der eigenen Vergangenheit und der Gegenwart.
So arbeite ich mich voran, bis das einzelne Bild einen Moment in der immer fortlaufenden Entwicklung erreicht, der über das persönliche Erlebnis hinauswächst.
Jede Schicht kann Verhüllung oder Enthüllung werden, kann bewusste Auflösung oder Verdichtung bringen. Die Methode der Schichtung und die malerische Grundhaltung gegenüber den mitgestaltenden Materialien spiegeln alle beschriebenen Strukturphänomene, bzw. Strukturprinzipien. So wird mir Struktur nicht nur zum Untersuchungsobjekt, sie ist gleichzeitig Untersuchungsmethode.
Dieses Zusammentreffen kann zu neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten führen, die über das Alltägliche Verständnis der Stoffe hinausführen. Die Vernetzung verschiedener Disziplinen, die Begegnung von Kunst, Natur und Wissenschaft sind Angelpunkte einer solchen Untersuchungsart, in der neben einer allgemeinen Wahrnehmungssensibilisierung auch eine Wachheit und Bewusstheit der Sinne geschult wird.
Zwischen Chaos und Ordnung können Rhythmus, Duktus und Klang entstehen, zwischen farbigen Spuren einer spontanen Köpergeste ob gekleckst, gespachtelt oder gedruckt und einem imaginären Ordnungsprinzip, entsteht Gestaltungswille, Gestaltungsprinzip. Zwischen Auflösung und Verdichtung entsteht das Atmen in Farbklängen und strukturierenden Zwischenzeichensetzungen, sich wiederholenden Rhythmen als Vorstufen der Form. Wie Thema und Variation durchpocht die einzelnen Schichten ein Grundrhythmus und seine Verwandlung im Sinnesweben.
Aber nicht nur Strukturen und „Muster“ der Emotions- und Willensebene werden in dieser künstlerischen Auseinandersetzung freigesetzt, was übrigens genauso für den Kunstschaffenden wie den Kunstrezipierenden gilt, der bei dieser Art Arbeit immer aufgefordert wird, ebenfalls in einen aktiven Strukturverwandlungs- und Wahrnehmungsprozess einzutauchen, es werden ebenso persönliche Denkmuster und über das Persönliche hinausreichende Denkstrukturen freigelegt und offenbart.
Im Wahrnehmen von und im Arbeiten mit Strukturen erlebe ich Freiheit und Notwendigkeit als ein ineinander wirkendes System.
Niederschriften im Sand der Freude und Sinnesweben…
Ebenso wie die Beschäftigung mit Strukturphänomenen und deren Gestaltungsprinzipien spielen im Entstehungsprozess meiner Bilder sinnliche Qualitäten unterschiedlichster Stoffe eine große Rolle, die nicht nur phänomenologisch betrachtet werden auf der Suche nach ihren gespeicherten Informationen, sondern die ebenso erfühlt werden wollen. Wie fühlt sich warmer Sand an, wie Blütenstaub oder Bienenwachs? Wie riechen diese Stoffe und welche Gefühle erwecken ihre Gerüche in mir? Im Nachspüren dieser Fragen finde ich zu bestimmten Handlungsformen mit meinen Bildern, die mir immer ein lebendiges Gegenüber bleiben. Gleichzeitig sind sie Spiegel dessen, was durch mich hindurch wirkt und seine Spuren im Bild und in mir hinterlässt.
Ines Trost - Februar 2003

Letzte 10 Jahre - Nr. 29